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MITTEILUNG DER REDAKTION ZUR TITELÄNDERUNG DER ZPP |
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Sie, liebe Leserinnen und Leser der ZPPM, werden bemerkt haben, dass wir den Titel der Zeitschrift leicht abgewandelt haben, in "Psychotherapiewissenschaft". Hiermit verbindet sich programmatisch die Zielsetzung, Psychotherapie schrittweise zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin zu entwickeln. Das liegt im Zug unserer Zeit, die aus verschiedenen Gründen eine erhöhte Nachfrage nach psychotherapeutischer Beratung und Behandlung hervorbringt. Diese gesellschaftliche Bedeutung der Psychotherapie steht jedoch in einem gewissen Gegensatz zu ihrem heutigen Selbstverständnis und wissenschaftlichen Status. Psychotherapie hat bis heute noch zu keinem eigenständigen wissenschaftlichen Paradigma gefunden, das für alle Schulrichtungen akzeptabel wäre. An den deutschen Universitäten gibt es bislang keinen eigenständigen Studiengang Psychotherapiewissenschaft. Die schon erreichte relative Eigenständigkeit der Psychotherapie scheint sogar rückläufig zu sein. Wir beobachten in Deutschland ihre zunehmend stärkere Einbindung in die biologische Psychiatrie. Auch das Fach Psychologie scheint sich eher abweisend gegenüber der Psychotherapie zu verhalten, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen 13 Jahren 41% der klinisch-psychologischen Lehrstühle ausgeschrieben wurden, ohne von den Bewerberinnen und Bewerbern eine psychotherapeutische Ausbildung zu verlangen. Auch seit dem Psychotherapeutengesetz, das 1999 in Kraft trat, setzt sich diese Ausschreibungspraxis fort und wird von Lehrstuhlvertretern sogar ausdrücklich gerechtfertigt, in einem Fall mit der Bemerkung, der künftige Lehrstuhlinhaber könne sich ja einen Psychotherapeuten "anstellen" (vgl. Diskussionsforum der ZPPM in dieser Ausgabe). Man gewinnt den Eindruck, dass Psychotherapie weder in der Medizin noch der Psychologie wirklich "gut aufgehoben" ist. Dabei ist die moderne Psychotherapie älter als biologische Psychiatrie und Psychologie im heutigen Selbstverständnis. In Leipzig wurde im Jahre 1811 mit Heinroth der erste Lehrstuhl für "psychische Therapie" vergeben und die Psychotherapie als wissenschaftliche Disziplin anerkannt. Wissenschaftlicher Hintergrund war die damals vorherrschende "Naturphilosophie", eine primär philosophische Orientierung, die psychische Störungen vor allem durch verständnisvolle Gespräche zu heilen suchte. Mit der gegen Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommenden biologischen Psychiatrie, die mit Griesingers Schlachtruf "Geisteskrankheiten sind Krankheiten des Gehirns" gegen die klassische naturphilosophische Ausrichtung zu Felde zog, wurde die Idee einer philosophisch begründeten Psychotherapie randständig. Eher noch abweisender als die Medizin verhielt sich die sich seit Wilhelm Wundt als experimentelles Fach verstehende Psychologie gegenüber der Psychotherapie. Die zuvor erwähnte Ausschreibungspraxis für klinische Lehrstühle fügt sich in diese Linie von Ignorierung oder Ausgrenzung der Psychotherapie zwanglos ein. Randständig in Medizin und Psychologie aber blieb die Psychotherapie nicht nur aus institutionellen, sondern vor allem aus methodischen und methodologischen Gründen. Die nomologische Ausrichtung, auf die Psychiatrie und Psychologie seit über 100 Jahren festgelegt sind, konstituiert einen "anderen Gegenstand" als den der Psychotherapie, wenn man bedenkt, dass moderne Wissenschaften sich über ihre Forschungsmethode und nicht mehr über ihren Gegenstand definieren. In der Entwicklung der Psychotherapie zu einer eigenständigen Disziplin Wissenschaft liegt demnach die große Chance, ein eigenständiges wissenschaftliches Paradigma zu entwickeln und eine Forschungsmethodik, die diesem angemessen ist. Dieses Ziel möchte die ZPPM programmatisch unterstützen. Wir werden das Thema wiederholt aufgreifen und nehmen entsprechende Beiträge gerne entgegen. Mit diesem Programm wollen wir keine Frontstellung zu Medizin oder Psychologie aufbauen noch etwa die traditionell zwischen diesen Fächern bestehende vertiefen. Stattdessen erwarten wir, dass sich die Kommunikation zwischen psychotherapeutisch arbeitenden ÄrztInnen und PsychologInnen weiter verbessern und Barrieren abgebaut werden im gleichen Maße wie Psychotherapie zu ihrem eigenen Selbstverständnis findet und sich zur Psychotherapiewissenschaft entwickelt.
Gottfried Fischer
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